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Mittwoch, 2. Februar 2011

BLACK in GERMANY (9) - Heute schon geholfen?!

Ein Artikel aus dem heutigen Tagesspiegel hat unsere Aufmerksamkeit erweckt. Menchen in Not - ganz in unserer Nähe - brauchen unsere Hilfe:

Familie in Not: Retten konnten sie nur ihr Leben - Berlin - Tagesspiegel

Spenden und Hilfsangebote an:
steffiburck@yahoo.com 
oder 01705944561.

Montag, 6. Dezember 2010

Gesucht: Europas Schwarze Powerfrau

Pic: Mark Derek McCullough/Black Women In Europe™

Das ist ja ne tolle Idee! – war mein erster Gedanke als ich in unserem gemeinsamen Blog „The Afro Spear“ von der Aktion las. 

Die Bloggerinnen der Initiative „Black women in Europe“  haben sich – inspiriert von der Wahl Michelle Obamas zur mächtigsten Frau der Welt – auf die Suche gemacht nach der mächtigsten Schwarzen Frau Europas. Adrianne George, die Chefredakteurin und Initiatorin des Blogs „Black women in Europe“ und nun auch dieser Suche, hat sich im Vorfeld viel Mühe gemacht, und mittlerweile steht auch eine Auswahlliste mit 58 Schwarzen Frauen zur Verfügung und im Net. 

Ich konnte gar nicht schnell genug nachschauen, wer denn da nun alles draufsteht….Und wusste plötzlich, dass es da trotz der ganz tollen Idee ein ziemlich großes Problem gibt. Mindestens eins.

Das Grund-Problem ist natürlich, dass es Europa – als zusammengehörendes Ganzes – so wie die Vereinigten Staaten von Amerika eben noch längst nicht gibt. Oder können Sie auf Anhieb eine „mächtige“ Frau nennen, aus Großbritannien etwa, den Niederlanden oder aus Frankreich. Und noch dazu eine mächtige SCHWARZE Frau (obwohl es in den genannten drei Ländern ja nun seit Jahrzehnten schon wirklich sehr viele Schwarze Frauen im Alltagsleben gibt.) Mir jedenfalls fällt auf Anhieb und mit Namen keine Politikerin, keine Managerin und auch keine Journalistin oder Künstlerin Schwarzer Hautfarbe ein, die sich in ihrem Land soweit an die Macht durchgeboxt hat, dass man sie in ganz Europa kennt.



Nicht, dass es keine bekannten und durchaus beliebten Frauen schwarzer Hautfarbe geben würde in unseren Ländern, aber bekannt heißt ja noch lange nicht „mächtig“. Gehört die wunderbare französische Schriftstellerin Marie N’Daye – bislang eine der Favoritinnen auf der Kandidatinnenliste – wirklich dazu? Und wenn, dann warum? Weil sie mächtige Bilder in den Köpfen und Herzen ihrer Bestseller-Leserschaft aus aller Welt entstehen lässt, die vielleicht ja eines Tages etwas werden mit-bewegen können an anderer, politisch relevanterer Stelle in Europa?
Viel bewegt hat auch eine der anderen Frauen, die ganz vorne liegt im Rennen um die neu ausgeschriebene europäische Position: Naomi Campbell, die Britin, hat mit ihrem jahrelangem Einsatz für gerechtere Zustände auf und hinter den Laufstegen viel dazu beigetragen, dass ein Bewusstsein entstehen konnte für die Ausgrenzung Schwarzer Modells in der internationalen Modebranche. Aber Popularität, Berühmtheit oder gar Ruhm ist trotz allem keine MACHT, denn die kann doch unmöglich allein davon abhängig sein, dass möglichst viele Menschen den Namen, das Gesicht und vielleicht ja sogar auch die Vita der Frau kennen.

Naomi Campbell

Wenn dem so wäre, dann müssten aber noch sehr viele andere Frauen ganz oben auf der Liste stehen, wie Marianne Jean Baptiste z.B., die Engländerin mit der ganz großen aktuellen USA-Karriere. Viele kennen ihr Gesicht aus der hier in Deutschland immer noch in Wiederholungen gezeigten US-Fernsehserie „Without a trace“ und aus dem Kino, wo sie erst kürzlich mit etlichen Hollywood-Verfilmungen zu sehen war. 

Marianne Jean Baptiste /Danke! Bild unter: www.fbidramas.com/.../


Zum oben schon genannten kommt mit ihr noch ein anderes, neues Problem dieser verflixten Wahl ins Spiel: Sie ist zwar eindeutig Europäerin, aber sie lebt und arbeitet in Amerika. 
Na gut, das ist ja durchaus noch zu vertreten. Aber was ist dann mit all den anderen Schwarzen Frauen auf der Liste, die eindeutig Amerikanerinnen sind - hier mehr oder weniger bekannt - die ihren Lebensmittelpunkt aber in Europa haben, zumindest vorübergehend…? 

Und was bitte ist mit all den vielen Schwarzen Frauen, die aus Afrika stammen, wo Frauen traditionell durchaus wirkliche Machtpositionen innehaben können? Zählen die mit, all die Asylantinnen, Diplomatinnen, Händlerinnen und Ehefrauen aus Afrika als hier nun „in Europa“? Und wenn ja, wird dann auch ihr afrikanisches Vorleben „angerechnet“ beim Ausscheidungs-Berechnen ihrer preisverdächtigen Macht? Und…? Und…? Und…?

Verkäuferin in Notting Hill/London/Photo: Danke!: news.bbc.co.uk/2/hi/in_pictures/5306056.stm
Alle diese – und möglichst viele, viele mehr! - Frauen lassen sich als Ganzes wunderbar mit einem Blog ansprechen, der ihre verschiedenen Lebenswelten berührt und sie als Gruppe zusammenfinden lässt. Doch reicht das als einziges Auswahl-Kriterium -  als Solidaritätsbasis schon,  wohlgemerkt! - wirklich aus, um daraus die „mächtigste“ Schwarze Frau Europas zu zimmern?

Ich finde die Idee immer noch ganz toll – doch leider weiß ich nun auch, dass sich noch vieles ändern muss, damit so eine kleine, liebevolle Aktion einfach mal so erfolgreich und leicht über die Bühne gehen kann. Bis dahin aber sollten wir alle uns schon mal umschauen nach unserer ganz persönlichen Kandidatin! In ganz Europa und da, wo wir in Wirklichkeit auch nicht allzu viele Schwarze Frauen kennen, die was bewegen in der Welt und die in Frage kämen als mächtigste Schwarze Frau Europas – zuhause nämlich, in unserem eigenen Land.

Sonntag, 5. Dezember 2010

My dear Sister Michelle, what year do we have this Christmas?

How the Nazis Stole Christmas | Features | Fortean Times /Photo: Alex Tomlinson / Thank you!/

My dear American Sister Michelle,

imagine: A dark and cold night in a well-known and often-visited European town, modern and with no doubt of the new Millennium. Walking home, you can suddenly hear the rhythmic sound of marching boots coming down the main street (at daytime a busy, multi-cultural shopping-area with lots of traffic, buses and subway-train-stations). And the light of torches is suddenly dancing up and down the walls of the quiet, gray houses.

Than another sound hits your ear: loud men-voices, half singing, half hollering. And as you start to understand the words (the melody sounded somehow familiar to you anyway – but that, no, that just can not be…!!!), you freeze dead - feeling for an instant like lot’s wife, who took a forbidden glimpse back into the flaming inferno.

“Die Fahne hoch, die Reihen stolz geschlossen…SA marschiert!!!.“ They are singing it with pride – just like in the movies - no doubt, and with confidence - and they are marching towards the building of the Department of Internal Affairs, just a little down the road…

Now, tell me, Michelle, what do you think - what year do we write?

Sorry, I can’t spare it out, not on you, my American Sister – and not on me, who has been living here all my life: It’s not a cold December-night in 1934, here in Germanys Capital Berlin. It was last night, Friday the 3rd of December 2010.


The note in the news was short this morning, something like:
“…and by the way: A group of Neo-Nazis marched down Alt-Moabit last night, with torches and paroles like “Out with the foreigners!”, singing “SA marschiert” and other songs from the time of the Third Reich…”

Well, if you think, that this is, what’s happening here anyway all the time, I can assure you: No, that is not so!

There is a permanent threat against people that don’t seem to “belong” here, but that is happening much more under the surface. Officially everybody is very concerned about Xenophobia. The politicians never get tired to assure everybody that everything is fine here in Germany. They will make sure, they say, that the society will take care of the very few who – still or again – keep hanging on to the old propaganda and the old times.

And it seems to be true: If someone in Germany lifts up the arm to high or in wrong intentions in the public, if someone yells ”Heil Hitler!” after a beer-full evening, he indeed will be prosecuted. And off course there are demonstrations (also from Nazis - we are a Democracy just like the US, who thought us how...!), but they must be registered ahead and there is always a lot of police, press and anti-demonstrators around.

I wonder what our politicians will say now after that "silent" march last night - maybe nothing at all. They are lucky anyway, because it didn’t happen around the Reichstag-area close to Brandenburg Gate, where there are always tourists, diplomats and people who are (money-wise) concerned about what is happening in good old Berlin. These poor German politicians are so busy nowadays, busy with these new times: like Wikileaks and recent terror-threats to the City. To my hometown Berlin, that is looking so bright with all that snow and the pretty Christmas-illuminations everywhere…

So it is well possible that nobody will have much time to take care of business here in Berlin. Why should anybody care much about a few old-fashioned torches, down the road of the Department of Internal Affairs. Someone mean could say: "That's good old tradition in that area!" And the scene with these singing people on these dark streets did look a little like the Christkindl-Market downtown anyway: simply nice somehow – traditional songs to sing along and many, many old-fashioned real lights... 
How the Nazis Stole Christmas | Features | Fortean Times/Photo: Davd Sutton/Alex Tomlinson /Thanks!

Merry Christmas from one capital to the other, dear Sister Michelle! Enjoy your season with your lovely family, give everybody a big hug from me.
And please: Don’t you all forget
your Sister in Berlin

P.S. I know you all have so nice seasons-habits, too! 
Photo from Frosty the klansman.


Thank you very much to the photographer AlexTomlinson (Fortean Times, UK), the following writers (who tell from their memories), and to the editor and author of Fortean Times, UK, David Sutton. I have looked for the right pictures and stories for hours - and you really got it! Thanks also to Wayne! Have a good Christmastime!

How the Nazis Stole Christmas | Features | Fortean Times


Weihnachten 1934 - Leseratte

Zeitgut Verlag Berlin: Unvergessene Weihnachten/Leseprobe 

Montag, 16. August 2010

NO ANGEL no more - Nadja Benaissa steht seit heute vor ihren Richtern

2003 löste sich die Band vorübergehend auf. Nadja Benaissa nahm sich Zeit für ihre 1999 geborene Tochter Leila. 2005 startete sie dann eine Solokarriere. Obwohl sie im gleichen Jahr im Vorprogramm von Simpley Red auftrat, wollte sich der Erfolg nicht so richtig einstellen © Picture Alliance/STERN.de/Fotostrecke zu: Nadja Benaissa: Der Prozess nach der Medienschlacht - S.3 - Lifestyle | STERN.DE

Nadja Benaissa: Der Prozess nach der Medienschlacht
Von Carsten Heidböhmer/STERN.de

"Ein landesweit bekannter Popstar ist HIV positiv, soll mehrfach ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt und dabei mindestens einen Mann infiziert haben. Die Presselandschaft in Deutschland überschlug sich im April 2009, als diese pikanten Details über Nadja Benaissa bekannt wurden, Sängerin der No Angels. Die Informationen kamen jedoch nicht durch harte Recherche von Journalisten ans Licht der Öffentlichkeit, sondern wurden den Medien auf dem Silbertablett serviert - ausgerechnet von der Staatsanwaltschaft Darmstadt, die derart Intimes in einer Pressemitteilung ausplauderte. Unter anderem heißt es darin, es bestehe der dringende Tatverdacht, "dass die Beschuldigte in den Jahren 2004 und 2006 ungeschützten Geschlechtsverkehr mit 3 Personen hatte, ohne diese zuvor darauf hinzuweisen, dass sie selbst HIV positiv ist"...
...Verantwortlich für diesen medialen Druck ist für viele die freizügige Öffentlichkeitsarbeit der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Die Deutsche Aidshilfe sprach von "einer modernen Form der Hexenjagd". Auch ihr Medienanwalt Christian Schertz übte Kritik an den Behörden: Die Abwägung der Interessen hätte dazu führen müssen, "dass eine behördliche Erklärung über den Tatvorwurf hier unterbleibt". Er warf der Staatsanwaltschaft vor, die Pressemitteilung stehe "nicht im Einklang mit den geltenden Vorschriften des Landespressegesetzes".
Genau darauf berief sich damals aber der Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Ger Neuber. Auf Anfrage von stern.de rechtfertigt er seine damalige Presseerklärung damit, er sei "nach dem hessischen Pressegesetz verpflichtet, so zu handeln". Rückendeckung bekam Neuber von seinem obersten Dienstherrn. Am 29. April 2009 erklärte Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) im Landtag, dass an der Informationspolitik der Staatsanwaltschaft im Fall Benaissa nichts zu beanstanden sei.
Es geht hier um zwei Prinzipien, die sich widersprechen: Auf der einen Seite steht das Recht der Öffentlichkeit, über laufende Verfahren informiert zu werden. Auf der anderen Seite muss das Persönlichkeitsrecht der betroffenen Person gewahrt werden. Das hessische Landespressegesetz besagt, dass Medien Anspruch auf Information durch die Behörden hätten. Es gibt aber Einschränkungen, wie Jochen Wurster, Fachanwalt für Strafrecht erklärt. So bestehe kein Anspruch auf solche Informationen, die persönliche Angelegenheiten Einzelner beträfen und an deren öffentlicher Bekanntgabe kein berechtigtes Interesse bestehe. Die Staatsanwaltschaft hätte demnach von dem Verfahren wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung berichten dürfen - allerdings ohne die HIV-Infektion der Sängerin zu erwähnen.
Die Staatsanwaltschaft hat in diesem Fall eine Abwägung zuungunsten von Nadja Benaissas Persönlichkeitsrechten getroffen. Eine Entscheidung, die auch beim Berliner Landesgericht auf wenig Verständnis stieß. Es untersagte damals der "Bild"-Zeitung, weiter über diesen Fall zu berichten - und kritisierte damit indirekt die Staatsanwaltschaft Darmstadt. Deren Pressesprecher Ger Neuber räumte damals auf Nachfrage von stern.de ein: "Ich muss darin eine Kritik an der hiesigen Pressearbeit sehen."..."


Kein Engel könnte tiefer fallen
Von Christine Keck / Tagesspiegel.de

"...Der Fall von Nadja Benaissa könnte kaum tiefer sein. Von Montag an muss sich die 28-jährige Sängerin der erfolgreichsten Castingband Deutschlands, den No Angels, vor dem Darmstadter Amtsgericht verantworten. Der Vorwurf gegen sie hatte großes Aufsehen erregt. Gefährliche Körperverletzung lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft, sie habe ihren Körper als „Biowaffe“ eingesetzt schrieb die Boulevardpresse...


...Aufstieg und Absturz, Erfolge und Burn-out, Millionen verkaufter Alben als glitzernder No-Angel-Star und am Ostersamstag vergangenen Jahres schließlich die Festnahme in einem Frankfurter Nachtclub, kurz vor einer Soloshow. Das Leben von Nadja Benaissa ist eine einzige Achterbahnfahrt, mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen. Zehn Tage lang saß die Musikerin in Untersuchungshaft und durfte nur unter strengen Auflagen das Frauengefängnis wieder verlassen. Viele kritisierten damals, die Justiz gebe die Frau der öffentlichen Neugier preis.
Als Infizierte geoutet wurde der Retorten-Popstar in einer Presseerklärung der Ermittlungsbehörden. Ein Vorgehen, das ebenso wie die öffentlichkeitswirksame Verhaftung heftig umstritten war und eine neue Debatte über den Umgang mit HIV-Positiven ausgelöst hat. „Die hessische Justiz will offenbar ein Exempel statuieren“, kritisierte etwa die Deutsche Aids-Hilfe und bezeichnete die spektakuläre Festnahme vor einer Disco als unverhältnismäßig...

...Dabei kennt sie die Ängste, die das Virus auslöst, genau. „Es ist immer noch ein Ausnahmezustand“, gestand sie in einem Fernsehinterview und erzählte, wie sehr sie dafür gekämpft habe, dass nicht alle Welt von ihrem Geheimnis erfahre. Nur wenige Vertraute wussten Bescheid, ihre Tochter, inzwischen zehn Jahre alt, gehörte nicht dazu.
Einen Neuanfang wünscht sich der Star, der längst keiner mehr ist. Die letzte Tour mit den No Angels hatte die alleinerziehende Mutter im vergangenen Mai kurzfristig abgesagt – aus gesundheitlichen Gründen. Jetzt versucht sie ihr Glück mit einer Biografie, die im Oktober erscheinen soll und die einen einen bezeichnenden Titel tragen wird: „Nadja Benaissa – Alles wird gut.“
Mit der Casting-Band No Angels feierte sie Anfang dieses Jahrtausends große Erfolge. Im vergangenen Jahr sorgte Nadja Benaissa jedoch für ganz andere Schlagzeilen: Die Staatsanwaltschaft Darmstadt machte publik, dass sie HIV-positiv sei - und warf ihr vor, einen Mann mit ungeschütztem Geschlechtsverkehrt infiziert zu haben. Vorläufiger Tiefpunkt einer Karriere, die die Tochter eines marokkanischen Einwanderers an die Spitze der Charts katapultiert hat.

Geboren wurde Benaissa am 26. April 1982 in Frankfurt am Main und wuchs im nahe gelegenen Langen auf. Die Jugend war alles andere als rosig: Mit 14 war sie crackabhängig, mit 17 bekam sie ein Kind © DDP/STERN.de/
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Prozess: In Sachen Nadja Benaissa | Panorama - Frankfurter Rundschau
Autor: Thomas Wolff/FRonline.de  

"...Ein Rundfunkmoderator und sein weiblicher Studiogast reden über Sex. Es geht nicht um das Sexualverhalten der Deutschen, nicht um Sextipps oder -probleme; es geht einzig und allein um das Sexleben der Frau, Nadja Benaissa, geboren 1982 im südhessischen Langen, Sängerin der „No Angels“, die HIV-positiv ist.
Ob das Wissen um ihre Infektion ihren Sex irgendwie verändere, will der Moderator wissen (Benaissa: Ja, natürlich, die Spontaneität sei schon eingeschränkt). Was ihr während des Beischlafs durch den Kopf gehe, will er wissen – Gedanken über die Ansteckungsgefahr, „oder lässt man sich nur auf den Sex ein?“ (Ja, manchmal sei es schwierig, sich einfach fallen zu lassen). Der Moderator dankt am Ende, findet es „verdammt cool“, wie Benaissa auftrete: „Vor einem Jahr hast du zu Recht gesagt, das ist meine private Sache, und jetzt stehst du hier und plauderst doch sehr intimes Zeug aus.“ Warum die Frau das tut, warum sie dem Moderator jede dreiste Frage höflich beantwortet und sich am Ende derart verhöhnen lassen muss, warum sie ihm nicht eine Ohrfeige verpasst und das Studio verlässt – all das ist eigentlich nicht zu begreifen.
Erklärbar wird die Szene im Studio des HR-Jugendsenders YouFM am Welt-Aids-Tag, Dezember 2009, nur, wenn man sich die wechselvolle Geschichte Benaissas vor Augen hält – vor allem die Rolle, die ihr aufgezwungen wurde, seit sie durch eine Festnahme im April 2009 zum „Fall Benaissa“ wurde. Dieser wird ab kommenden Montag am Darmstädter Amtsgericht verhandelt. Die Frage, die dort geklärt werden soll, und die hinter den penetranten Fragen vieler Interviewer steckt: Hat die heute 28-Jährige im Jahr 2004 einen Sexualpartner beim ungeschützten Sex mit dem HI-Virus infiziert – und ihn zuvor nicht über die Risiken informiert?Der Vorwurf lautet auf „vollendete gefährliche Körperverletzung“. Zeuge der Anklage ist ein Frankfurter Künstlerbetreuer, der die Sängerin bereits 2008 angezeigt hat. Dazu kommt der Vorwurf „versuchter gefährlicher Körperverletzung“ in vier weiteren Fällen, die sich seit dem Jahr 2000 zugetragen haben sollen. Weil Benaissa damals noch 17 war, verhandelt ein Jugendschöffengericht: Richter Dennis Wacker, 43, sowie zwei Schöffen, die den Berufsrichter überstimmen können. Sollte das Gericht sie für schuldig halten, drohen der Angeklagten bis zu zehn Jahre Haft. Fünf Prozesstage sind bisher anberaumt.
Dass sich die Tat nach so langer Zeit beweisen lässt, wird von juristischen wie medizinischen Experten angezweifelt. Und die teils reißerischen Geschichten und Spekulationen, die seit der vorübergehenden Inhaftierung Benaissas vor einem Solokonzert im April 2009 durch den Blätterwald rauschten, dürften auch wenig hilfreich gewesen sein. Vor allem Bild-Zeitung und Staatsanwaltschaft machten schon zu Beginn intime Details aus dem Sexualleben der Sängerin publik. Nicht nur ein faires Urteil, sondern auch ein faires Verfahren zu gewährleisten: Das wird für Richter und Schöffen durch diese Umstände zur besonderen Herausforderung.
„No Angels-Star Nadja nachts in der Disco verhaftet!“, meldet der Lokalteil der Bild-Zeitung in seiner Osterausgabe 2009, und: „Es geht um schwere Körperverletzung“. Um welche Art von Verletzung, bleibt offen, bis sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft an die Presse wendet. Es bestehe der „dringende Tatverdacht“ gegen „eine 26-jährige Sängerin“, die „ungeschützten Geschlechtsverkehr mit drei Personen hatte, ohne diese zuvor darauf hinzuweisen, dass sie selbst HIV-positiv ist“. Den Namen erwähnt die Staatsanwaltschaft nicht. Jeder kann ihn sich denken. „No Angels-Star Nadja HIV-positiv“ lautet nun die Schlagzeile in der Bild am nächsten Tag. Und: „U-Haft, um Männer vor Ansteckung zu schützen!“
Die groteske Vorstellung verfängt zumindest bei einigen. Von Infizierten, die ihren „Körper als Bio-Waffe“ einsetzen, redet kurz darauf der SPD-Abgeordnete Siegmund Ehrmann; ein Sprecher der Frankfurter Aids-Hilfe, Jörg Litwinschuh, wiederum vergleicht das Vorgehen der Justiz mit einer „Hexenjagd“. In der FR erinnert der Strafrechtler Winfried Hassemer, vormals Verfassungsrichter, daran, „dass das Ermittlungsverfahren im Grunde ein geheimes Verfahren ist“. Und: „Man muss vorsichtig sein, wenn man dieses große Rad anwirft.“
Doch das Rad rotiert bereits auf Hochtouren. Staatsanwalt Ger Neu-ber taucht nun in Talkshows auf, um seine Auskunftsfreudigkeit zu rechtfertigen. In der FR erklärt er im April 2009: Die Behörde habe angesichts der Schwere der Vorwürfe in Kauf nehmen müssen, „den Ruf der jungen Frau in gewisser Weise zu schädigen“.
Heute, kurz vor Prozessbeginn, weist er nach wie vor jede Kritik von sich. „Von uns aus wären wir nie an die Öffentlichkeit gegangen“, sagt er auf Anfrage. Seine Behörde habe auf den „medialen Druck“ reagieren müssen, „weil da ja erhebliche Spekulationen durch die Welt geisterten“. Freilich: Erst die Details der Staatsanwaltschaft haben den medialen Druck so richtig erhöht...."

Beginn im HIV-Prozess - Engel Nadja muss sich vor Gericht verantworten - Aus aller Welt - Hamburger Abendblatt
 

"...Benaissa wird ein Fall von gefährlicher Körperverletzung aus dem Jahr 2004 vorgeworfen, dazu kommen noch vier Fälle von versuchter gefährlicher Körperverletzung aus den Jahren 2000 bis 2004. Da die Angeklagte beim ältesten Tatvorwurf aus dem 2000 erst 17 Jahre alt war, muss sie sich vor einem Jugendschöffengericht verantworten. Der Vorsitzende ist Richter Dennis Wacker (43).
Unter den rund 20 Zeugen sind auch die drei Band-Kolleginnen. Außerdem soll ein Sachverständiger gehört werden. Der Mann, den Benaissa angesteckt haben soll, tritt als Nebenkläger auf.
„Wir erwarten ein großes Interesse“, sagt der Sprecher des Amtsgerichts, Albrecht Simon. Deshalb wird im Saal 3 des Landgerichts verhandelt, in dem etwa 50 Zuschauer Platz finden: „Das ist der größte Saal der Justiz in Darmstadt.“
Es sind auch besondere Sicherheitsvorkehrungen geplant. So soll es zwei Einlasskontrollen geben - einmal am Haupteingang des Gerichts und dann noch einmal vor dem Verhandlungssaal. Dabei suchen die Beamten auch nach Waffen. Handys müssen ausgeschaltet werden. Fans dürfen keine Fotos machen oder Teile der Verhandlung filmen...."

2008 traten die No Angels dann noch einmal ins Rampenlicht: Mit ihrem Song "Disappear" gewannen sie den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest hauchdünn und durften Deutschland in Belgrad vertreten. Der große Abend endete jedoch mit einem Debakel: die vier Sängerinnen landeten auf dem 23. Platz von 25 Teilnehmern © DDP/STERN.de/Fotostrecke zu: Nadja Benaissa: Der Prozess nach der Medienschlacht - S.3 - Lifestyle | STERN.DE


Berliner Kurier - Nadja Benaissa - der gestürtze Engel
Von Uwe Killing/ 

"....Nadja Benaissa zeigt eine erstaunliche innere Stärke. Dabei hatte sie zuvor gestanden, „kaum Kraft zum Weiterleben zu haben“. Das war direkt nach dem 11. April 2009. Damals, am Ostersamstag, war sie auf spektakuläre Weise verhaftet worden: direkt nach dem Auftritt in einer Frankfurter Disco und vor den Augen von Hunderten von Fans.

Zehn Tage saß sie in Untersuchungshaft und stand öffentlich am Pranger. Als „eiskalter Todesengel“ wurde die 28-Jährige in Internet-Foren beschimpft. Ohne Beispiel war das Vorgehen der Staatsanwaltschaft: der Polizeieinsatz bedeutete ein amtliches Zwangsouting.

„Ich dachte, nicht nur mein Leben ist zerstört, auch das meiner Tochter“, so Nadja. Ihre Tochter Leila war damals neun Jahre alt, nicht HIV-infiziert. Das Drama kam für sie ohne Vorwarnung. Sie wurde auf dem Schulhof beschimpft. „Ich wollte es Leila natürlich irgendwann selbst erzählen“, so Nadja, „aber sie war noch so kindlich.“

Im No-Angels-Trubel wirkte Nadja oft selbst noch wie ein Kind. Während die anderen sich selbstbewusst in Szene setzten, besonders die rivalisierenden Alpha-Girls Sandy und Vanessa, saß der jüngste Engel gerne etwas abseits – und konnte wie ein verträumter Teenager schweigen.

Was viele gar nicht wahrnahmen: Sie war oft einfach müde, weil sie sich in jeder freien Minute um ihr Baby kümmerte. Dass sie eine alleinerziehende Mutter war, darüber redete sie anfangs nicht gerne. Genau wie über die unzähligen Bücher, die sie stets mitschleppte und zwischen den Auftritten verschlang.

Nadja Benaissa, Tochter eines Marokkaners und einer Deutsch-Serbin, passt nicht ins Schema heutiger aufgeheizter „Superstar“-Karrieren. Nadja wuchs wohl behütet in einer Reihenhaus-Idylle auf. Sie besuchte das Gymnasium, lernte früh Blockflöte und Klavier, spielte im Schultheater. Doch irgendwann, mit 14 oder 15, rutschte sie ab. Sie schloss sich einer ziemlich rauen Rockband an. Sie geriet an Drogen und an falsche Freunde. Abbruch des Gymnasiums.

Erst mit den No Angels verließ sie das schwarze Loch wieder. Vor den Gästen der Berliner Aids-Gala sagte sie dazu: „Ich wünschte, ich hätte manchmal mehr auf meine Eltern gehört, wenn sie mir immer predigten: ,Nadja, komm nicht so spät nach Hause, geh nur mit den netten Jungs aus – und benutz Kondome!’

Glauben Sie mir, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht bereue, in einer einzigen Nacht nicht die richtige Vorsorge getroffen zu haben.“ Nadjas Charakter kann durchaus irritieren. Mal wirkt sie gedankenverloren und abweisend. Und dann ist sie diejenige, die sich im Foto-Studio von allen Girls in die heißesten Posen wirft. Dass sie dabei keine Unschuldsmine auflegt, hat manchen Reporter zu wilden Spekulationen getrieben.

Natürlich erst recht, als die Aids-Story und böse Gerüchte im Internet auftauchten. Anderseits zeigt Nadja in Interviews eine erstaunliche Sprachgewandtheit – und die Fähigkeit, über sich und ihr ungewöhnliches Leben kritisch zu reflektieren.

Auf die Frage, wen sie sehe, wenn sie in den Spiegel schaue, antwortete sie einmal: „Eine junge, mal mehr, mal weniger ausgeglichene, auf gar keinen Fall vollkommene Frau.“

Nachdenklich und trotzdem zuversichtlich: Nadja Benaissa hat alles erlebt – vom glamourösen Aufstieg bis zum bitteren Sturz. ddp/Berliner Kurier


Affäre um Sex trotz HIV-Infektion: No-Angels-Sängerin Benaissa vor Gericht

Prozesse: No-Angels-Sängerin Nadja kommt vor Gericht - Boulevard - FOCUS Online  

Gerichtsprozess: Nadja Benaissa steht ihr schwerster Auftritt bevor - Nachrichten Panorama - Leute - WELT ONLINE 


Artikel vom Beginn der "Affäre Benaissa"

Schwarz, geil und tödlich - SoultrainC - Schwarz auf Weiß - @ myblog.de

„No Angel“ in U-Haft: Ist Benaissa der schweren Körperverletzung schuldig? - Kriminalität - Gesellschaft - FAZ.NET

Nach Nadja Benaissas Verhaftung: Aids-Hilfe: Moderne Form der Hexenjagd - Kriminalität - Gesellschaft - FAZ.NET


Verhaftung von Nadja Benaissa: Staatsanwaltschaft im Kreuzfeuer der Kritik - Lifestyle | STERN.DE


Schlammschlacht um No-Angels-Star: Ende der Unschuldsvermutung - taz.de


In Germany, No Angels Star Nadja Benaissa Faces HIV Charges - TIME

No Angel – Nadja Benaissa unter Verdacht (Panorama, NZZ Online)

FOTOS: Thank you! Dankeschön!

1. Nadja Benaissa /© Picture Alliance/STERN.de
2. © DDP/STERN.de/
3.  Die "No Angels"/© DDP/STERN.de/
 Fotostrecke zu: Nadja Benaissa: Der Prozess nach der Medienschlacht - S.3 - Lifestyle | STERN.DE
4. Nadja/ddp/Berliner Kurier
5. 

Sonntag, 25. Juli 2010

SUMMERTIME: May Ayim - Poetin zwischen den Welten

In unserer heutigen Ausgabe von "SUMMERTIME" möchten wir an die deutsch-ghanaische Poetin May Ayim erinnern, eine der Pionierinnen des Schwarzen öffentlich-politschen Denkens und Handelns in Deutschland. Sie starb sehr jung und auf tragische Weise und wäre in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden. 

einladung
am besten ihr verhaltet euch
ganz ganz normal
sagt bloß nicht negerin
das wäre katastrophal
natürlich kennt sie kartoffeln
nein du brauchst sie nicht zu braten du
kannst sie ruhig kochen
ihre haut ist schwarz
die haare sind kraus
: willkommen zu haus

aus: nachtgesang /gedichte
Orlanda Frauenverlag
Herausgegeben nach ihrem Tod /1997
ISBN 3-929823-39-X




Ihre bewegende Geschichte erzählt Christiana Puschak in einem Artikel der Jungen Welt vom 30. April 2010, den wir aus gegebenem Anlass in ganzer Länge veröffentlichen. Aufmerksam machen möchten wir noch darauf, dass sich die Autoren der Zeitung Junge Welt in außergewöhnlichem Umfang Themen wie Rassismus, Afrika und Black America widmen.


»My sword is my pencil«
 von Christiana Puschak/junge welt.de 30.04.2010

Die Dichterin May Ayim, schwarze Deutsche und Kämpferin gegen Rassismus, Sexismus und jede Diskriminierung, wäre am 3. Mai 50 Jahre alt geworden.


Seit dem 27. Februar 2010 heißt das Gröbenufer in Berlin-Kreuzberg May-Ayim-Ufer. Dem Beschluß zur Umbenennung war in der zuständigen Bezirksverordneten-versammlung ein heftiger Streit um die Person Otto Friedrich von der Groebens (1657–1728) vorangegangen, eines preußischen Kolonialpioniers, der durch die Gründung des Forts Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana die Beteiligung Preußens am Sklavenhandel ermöglicht haben soll, was aber nicht zweifelsfrei nachzuweisen war. In jedem Fall hat es Symbolkraft, wenn eine attraktive Adresse in der deutschen Hauptstadt nicht mehr den Namen eines preußischen Generalleutnants, sondern den einer deutsch-ghanaischen Lyrikerin und engagierten Antirassistin trägt. Zeitlebens hat sich die Schriftstellerin und Wissenschaftlerin May Ayim für den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft eingesetzt und jede Form von Unterdrückung und Diskriminierung gekämpft.

Wer war May Ayim? Am 3. Mai 1960 wurde sie als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen geboren. Die Eltern gaben das Mädchen mit den Vornamen Sylvia Brigitte Gertrud in eine Pflegefamilie namens Opitz, deren Nachnamen sie bekam. Die Pflegeeltern verlangten von ihr Anpassung, weil sie als »reinrassiger Mischling« ohnehin überall auffalle »wie ein bunter Hund«. Sylvias im Lauf der Jahre immer häufigeres Auftreten in der Öffentlichkeit und ihre publizistische Arbeit empfanden sie als »Schande«, woraufhin sie den Nachnamen ihres leiblichen Vaters, Ayim, als Künstlernamen annahm.

Auf das Abitur folgte ein Pädagogikstudium in Regensburg, das sie mit einer Arbeit über die Geschichte Afrodeutscher abschloß, die zunächst mit der Begründung, in Deutschland gebe es keinen Rassismus, abgelehnt und später zur Grundlage des Buches »Farbe bekennen« wurde. Dieses führte nach seinem Erscheinen 1986 zur Gründung zahlreicher Organisationen, darunter die Initiative Schwarze Deutsche und die Gruppe Afro-deutsche Frauen.

Zerrissen zwischen Dazugehören und Nichtdazugehören, dunkler Hautfarbe und deutschem Paß, widmete May Ayim ihr Leben fortan dem Kampf gegen Rassismus. In weiteren Publikationen und in Vorträgen, die sie in verschiedenen europäischen Ländern und in Nord­amerika hielt, und in ihren Gedichten wehrte sie sich gegen Ungerechtigkeit und Vorurteile und gab den Empfindungen vieler afrodeutscher Menschen eine Stimme. Ausgerechnet die Sprache, die May Ayim so oft verletzte, war nun ihre beste Waffe. Treffsicher setzte sie sie ein.

»My sword is my pencil«, so ihr Lebensmotto: »alle worte in den mund nehmen/ .../ und sie überall fallen lassen/ ganz gleich wen es/ trifft«. Sie holt die Worte aus dem »schatten« und setzt sie neu – »grenzenlos und unverschämt«. Ein besonderer Einschnitt in ihrem Leben war der Fall der Berliner Mauer: »das wieder vereinigte deutschland/ (...)/ es feiert im intimen kreis/ es feiert in weiß/ doch es ist ein blues in schwarz-weiß/ es ist ein blues«. Sie spürt die zunehmende Ablehnung, die im »neuen Deutschland« besonders Menschen trifft, denen ihr »Nicht-Deutsch-Sein« deutlich anzusehen ist. May Ayim, die in Westberlin eine Art Zuhause gefunden hatte, suchte den Kontakt zu anderen Ausgegrenzten.

Nach den ersten Übergriffen auf Ausländer protestierte sie eindringlich. Psychisch stark angegriffen, erfuhr sie 1996, daß sie an Multipler Sklerose erkrankt ist. Ihre Verzweiflung ist so groß, daß sie sich im August desselben Jahres das Leben nimmt, nicht ohne »ihre Worte, ihre Visionen« als Mahnung zu hinterlassen: »du bleibst/ ich gehe/ zornig/ traurig/ du gehst/ ich bleibe/ aus/ erinnerungen«.

May Ayims kraftvolles Wirken trug in den 90er Jahren wesentlich zu einer Sensibilisierung für Transkulturalität und die Lebensrealitäten Afrodeutscher bei. Die aus dem Nachlaß herausgegebenen Texte zeugen bis heute von ihrer Kunst, Dinge auf den Punkt zu bringen: »nicht die farbe der haut / die farbe der macht / entscheidet / für oder gegen das leben«.


Katharina Oguntoye, May Ayim/ Dagmar Schultz (Hg.): Farbe bekennen, Berlin 1986
Ilka Hügel, May Ayim u.a. (Hg.): Entfernte Verbindungen, Berlin 1993
May Ayim: blues in schwarz weiss, Berlin 1995; dies.: Grenzenlos und unverschämt, Berlin 1997; dies.: nacht gesang, Berlin 1997. Alle erschienen im Berliner Orlanda Verlag (www.orlanda.de).
Film: »Hoffnung im Herzen« von Maria Binder, ein Porträt
 
afrikanet.info: Zum 13. Todestag der afrodeutschen Autorin und Aktivistin May Ayim 

DNB, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek 

May Ayim – Wikipedia


May Ayim Award – The 1st International Black German Literature Award/ May Ayim Award – Der 1. Schwarze Deutsche Internationale Literatur Preis

zauberstunden ... 


Gedenken/ May Ayim 

Efeu e.V.

Afrodeutsche Lyrik - Exil-Club - Zu Hause in der Welt 

Homestory Deutschland: November 2008

YouTube - MAY AYIM POEM FOR MAY AYIM Michael Kueppers Adebisi Ihr koennt mich nicht toeten Schwarze Deutsche

Contact « AFROTAK TV cyberNomads Black German Media Schwarze ...

YouTube - MAY AYIM AWARD Laudatio Ekpenyong Ani Erster ...

Berlin-Kreuzberg: re-naming of street in May-Ayim-Ufer; Umbenennung des Gröbenufers in May-Ayim-Ufer | 

~ A Shift In Perspective: The May - Ayim -Ufer

Hope in My Heart: The May Ayim Story 

May Ayim - Wikipedia, the free encyclopedia 


Margaret MacCarroll: May Ayim: A woman in the Margin of German Society (Masterarbeit an der Florida State University; PDF-Datei; 464 kB)


AFRO-EUROPE: Remembering Afro-German poet May Ayim

'Fühlst du dich als Deutsche oder als Afrikanerin?':1 May Ayim's Search for an Afro-German Identity in her Poetry and Essays. Jennifer Michaels. 2006; German Life and Letters - Wiley InterScience

With love, in memory and in honour of May Ayim - Journal of Gender Studies

BLUES IN BLACK AND WHITE
by May Ayim , Translated by Anne Adams  


FOTOS: Thank you! Dankeschön!

1.africanet.info/jungewelt 18.08.2009

Freitag, 25. Juni 2010

Encounter: A beerbottle, a young African man and little old me



German version:  FOCUS AFRICA - Nicht nur ein Blick auf die Fußball-WM 2010 (5): ANGRIFF vor ANPFIFF
To wait for the bus on that hot late afternoon I was sitting down on a bench in the little shelter at the downtown busstop. All arround me the commuter-traffic was flooding, everywhere on the streets (here in the middle of the Berlin City). On the cars lots of Germany-flags, small german flags and "Fläckchen" (very small german flags) were tied because in only a few hours the World-Cup-game Ghana against Germany would be kicked off.

Someone had left an empty beer-bottle in the busshelter, standing on the seat next to me. Well, I just hope, that nobody would take me as an old Brandy-sister, I  was thinking, because I was so tired and I felt so exhausted in this shimmering asphalt-heat and with these awfull car-exhaust-odeurs all over the city.

The young Black man came straight towards me on the sidewalk, taking gentle little curves -  to avoid to hit the pedestrians and the streetsigns - pulling up on his bike right in front of me. There he stopped and asked me, if this was my bottle, and I hurried up to denie this. So after all - I  was actually just thinking, beeing a little embaressed, too -this stupid beerbottle does look as if it is related to me!  -  when a bus turned the corner. "No, it's not mine. Sure, you can take it," I said to the young man quickly and than I started for the busstop, only a few steps away. My mind was already set on getting on the bus and on to my next destination.

"No, please, no! ", I heard the young African say, very softly and with a shy little smile on his face. He made a soothing gesture in my direction: "Please, don't worry, I  just want to take the bottle ! " I guess, I must have looked quite stunned at him, because right away I couldn't follow his thoughts at all - and because the bus was just pulling up. "No, I 'm not afraid , I just wanted to see my bus ....!," I  responded quickly - and in this very second I could already sence the impossibility, the enormousness of this moment - but it only took the blink of an eye and it was gone.

During the busride I tried to figgure out what it was that had made this short encounter so very special. I had seen a young African in Berlin who was obviously searching the street-litter-bins for bottles. Lately many people around here are doing so - and it has been quite some time since that were obviously homeless people: little old ladies with very low pensions do it now, neat and tastefully dressed, children do it, who want to buy themselves something special out of the line, and even ordinary middle-class-looking men do it sometimes. They are the ones who do it quickly, sometimes pretending  something has fallen into the trash and they have to search for it now.

Well, as far as I can remember I hadn't seen any Africans doing it yet - but that sure was not the significant point about that special moment. The fact was however, that the young man had been convinced that I had been affraid (of him!) because I did get up real quick, as he had approached  me and that beerbottle. And I wasn't even sure whether he had heard my fast, embarrassed answer. But there was no doubt that whatever else I would have said, it would not have been sufficient anyway . It would have needed time and a real conversation to get close enough for a mutural understanding - beyond fear and beeing concerned or shocked, by whatever.
Yes, I would like to talk to him, this young African man, for he must be a very nice and sensitive person: He had been willing to protect me against my own fears (of him!), me that stranger, that little older German woman.

But only later that night, on my PC - when I learned about the following press-release by the Berlin Police - I truely recognized the full complexity, the total absurdity of this very special moment: It should have been HIM,  who should have been afraid. And it should have been me, who should have given him protection and care.  Or at least who should have been explaining to him why young Africans and other Black people need to be affraid,  even better full of fear in my country (in the middle of bustling Berlin, surrounded this evening by countless people in the subway).  Affraid not only of crazy, violent idiots  - but also of the German police.

But how, as I don't understand it myself?!

 

Press release of the Berlin Police

Input: 23/06/2010 - 12:40 clock

Man insulted and beaten xenophobic

Mid- 1849 #

Yesterday evening two men in Gesundbrunnen insulted an African man xenophobic and then beat him .
Only hours before the forthcoming World Cup preliminary round match between Germany and Ghana took place the two drunken men - aged of 42 and 43 years - made loudly insulting (disparaging) remarks in the underground compartment of the line U8 about Africans and also injured the sedentary 31- year-old man because of his skincolor. When the man wanted to leave the train about 08. 15 p.m. at U -Bahnhof Osloer Strasse,  one of the two jostled, than the perpetrators did beat with fists on him . Afterwards the  two agressors wanted to leave the szene, but then the 31- year-old victim broke a bottle, followed and threatened them. Alerted police calmed the situation and shortly afterwards arrested the 42 - and 43 -year-olds . They were released after an alcohol-bloodtest.  Against them there will be charges because of dangerous injuries and insult.  Against the 31- year-old (victim!), who slightly injured  himself (?!!!) during the attacks, an investigation because of threats was initiated.

My comment:
Own goal and final whistle for Germany !

Montag, 14. Juni 2010

What's up?!: Angela Davis in Berlin

Ein Verlag und eine Berliner Tageszeitung haben die US-amerikanische Professorin und Publizistin Angela Davis nach Berlin eingeladen. Anlaß ist ein filmisches Porträt aus dem Jahr 1972, das die Afro-Amerikanerin in den Jahren ihres aktiven politischen Widerstands zeigt. Auch heute noch ist Davis politisch und sozial stark engagiert. Und auch wenn ihr Weg mittlerweile leiser und friedlicher geworden ist, bleibt sie doch eine starke Persönlichkeit der Zeitgeschichte und eine faszinierende Frau.

 

20.06.2010: Filmmatinee "Portrait of a Revolutionary"


Bild 1
In Anwesenheit von Angela Davis.

LAIKA-Verlag und Tageszeitung junge Welt präsentieren
aus der Reihe »Bibliothek des Widerstands«: "Portrait of a Revolutionary" (USA, 1972, Regie: Yolande DuLuart, 60 min, Original mit deutschen Untertiteln)

Der Dokumentarfilm beschäftigt sich mit der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davis vor Ihrer Verhaftung 1970. In einem aufsehen erregenden Prozess wurde sie der „Unterstützung des Terrorismus" angeklagt mit der Todesstrafe bedroht. Eine weltweite Solidaritätsbewegung setzte sich für sie ein und machte Angela Davis zu einer Symbolfigur des politischen Protestes. Am 4. Juni 1972 wurde sie im kalifornischen San José freigesprochen.

Angela Davis war in den 1980er Jahren zweimal Vizepräsidentschaftskandidatin der KP der USA. Sie ist emeritierte Professorin für Geistesgeschichte und Gender-Studies an der Universität von Santa Cruz.

Kartenreservierung beim Hackesche Höfe Kino (Link) oder über die jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin, Tel. 0 30/53 63 55-10, E-Mail: mm@jungewelt.de

Veranstaltet durch: junge Welt und Laika-Verlag

11:00 Uhr
Hackesche Höfe Kino
Rosenthaler Straße 40/41
10178 Berlin
Weitere Infos: www.hoefekino.de
 
Plakat und Text übernommen aus der Junge Welt. DANKE!
Foto: Angela Davis 2006/Nick Wiebe/GNU-Free-Documentation-License 1.2/Wikimedia Commons

Angela Davis – Wikipedia

UPDATE: 

19.06.2010: Eine Ikone (Tageszeitung junge Welt)
von Reinhard Jellen
...Anfang der 70er wurde die sozialistische Bürgerrechtlerin Angela Davis zur Ikone der Black-Power-Bewegung. Die Philosophiedozentin befand sich in höchster Lebensgefahr, erst wurde sie vom FBI als »einer der zehn gefährlichsten Verbrecher der USA« gejagt, schließlich verhaftet und im kalifornischen Knast eingesperrt, wo ihr aufgrund einer manipulierten Anklage die Todesstrafe drohte. Für ihre Freilassung entwickelte sich eine weltweite Solidaritätskampagne, auch in den realsozialistsichen Staaten, besonders in der DDR, aus der Hunderttausende Protestbriefe in die USA geschickt wurden.Schwarze Stars wie Aretha Franklin, Quincy Jones oder Sammy Davis jr. gaben Solidaritätskonzerte. 1972 wurde Davis 1972 in allen Punkten freigesprochen....
 
....

Montag, 12. April 2010

Jimmy Hartwig - Ein Kämpfer mit vielen Talenten

 Foto: Jimmy Hartwig als Trainer/Wolfgang Kluge/ Deutsches Bundesarchiv/Creative Commons Attribution ShareAlike Lizenz 3.0/Wikimedia Commons

Sein Leben als aktiver Fußballer und deutscher Nationalspieler liegt schon lange hinter ihm, aber bis heute spürt Jimmy Hartwig Leidenschaft für diesen Sport, der ihm einst den Weg bahnte: heraus aus der Sozialsiedlung und hinein in ein Leben als gefeierter Sportstar und Millionär. Mit Peter von Becker hat er für den Tagesspiegel ein langes und intensives Gespräch geführt über sein bewegtes Leben:

Sonntagsinterview: "Ich bin ein Kämpfer geblieben"
Interview: Peter von Becker / Der Tagesspiegel 

"....Sie sind gerade für den DFB nach Kapstadt gereist und haben in einer südafrikanischen Township mit Kids von der Straße einen Fußballworkshop gemacht.

Moment mal: Ich bin auf eigene Kosten gereist, und das Ganze ist eine Initiative des privaten Projekts „Auf Ballhöhe“, das seit Jahren Jugendarbeit in Südafrika betreibt. Daran ist der DFB nur als Förderer beteiligt.

Der superreiche DFB hat für diese Aktion kurz vor der WM in Südafrika nichts bezahlt?

Nicht für mich. Doch mir war es das wert. Ich habe zwei Wochen mit Jungs trainiert, die nach Anerkennung lechzen, die aus ihrer materiellen Misere herauswollen und dafür kämpfen, ohne zu klagen. Sie lachen und tanzen und geben den Glauben an die Zukunft nicht auf. Das ist kein Kitsch. Manchmal habe ich an die Lowald-Siedlung in Offenbach zurückdenken müssen, wo ich aufwuchs. Das ist meine Township gewesen.

War das Ihr stärkster Eindruck?

Nein, das war der Besuch auf Robben Island in der ehemaligen Gefängniszelle von Nelson Mandela. Ein Tisch, ein Stuhl, eine fünf Zentimeter dicke Filzmatte zum Schlafen, daneben ein roter Blecheimer für die Notdurft. Da hat Mandela 27 Jahre gelebt und ist am Ende rausgekommen und hat statt Hass und Gewalt Versöhnung und Nächstenliebe gelehrt. Ich durfte mich ausnahmsweise auf seine Schlafmatte legen. Da bekam ich eine Gänsehaut. Früher habe ich mich für meine Hautfarbe geschämt, seit diesem Erlebnis bin ich stolz darauf...


....Nach dem Stürmer Erwin Kostedde waren Sie Anfang der 80er Jahre der einzige farbige deutsche Nationalspieler. Und nach Ihnen kam lange Zeit keiner mehr.

Wenn jetzt ein dunkelhäutiger Rapper – auch einer mit großer Klappe – zum Bestsellerautor wird und sein Leben verfilmt kriegt, dann ist das für mich wie eine andere Welt. Ich bin knapp zehn Jahre nach dem Krieg geboren, da war noch die ganze Nazizeit in den Köpfen drin. „Beim Adolf hätte es das nicht gegeben, dass hier ein Neger bei uns rumläuft!“, das habe ich als Schulkind tagtäglich gehört.

Auch beim Fußball?

„Du Negerschwein“, das hörte ich auch auf dem Platz. Aber mein erster Jugendtrainer bei den Offenbacher Kickers hat mein Talent sofort erkannt. Er hat mich auch gegen alle Anzüglichkeiten verteidigt. Später, beim VfL Osnabrück, bei 1860 München, beim HSV und dem 1. FC Köln, habe ich mich mit meiner großen Fresse zu verteidigen versucht. Damit macht man sich wenig Freunde. Und je höher du steigst, desto mehr Leute freuen sich über deinen Absturz.

Noch im WM-Endspiel 2006 hat eine Schmähung den Weltstar Zidane zum Ausrasten gebracht. Und Lothar Matthäus war als Bayern-Spieler bekannt für seine Bemerkungen über die Genitalien schwarzer Fußballer. Wie viel Rassismus gibt es unter den Spielern?

Der Lothar war ein herausragender Spieler; ich war mal sein Kapitän in der B-Nationalmannschaft, bevor seine große Karriere begann. Er tut mir ein bisschen leid, weil er noch immer die jungen Dinger flachlegen muss, aber weiter will ich ihn nicht kommentieren. Manche haben halt weniger in der Birne als in den Beinen. Aber gegen einen wie mich gab es Vorurteile auf allen Ebenen....

...Warum haben Sie eigentlich nur zwei A-Länderspiele gemacht?

Zu Zeiten meiner Hochform in den 80er Jahren war ich einer der besten defensiven Mittelfeldspieler Europas. In der Bundesliga hat sonst keiner auf meiner Position auch noch bis zu 14 Tore pro Saison geschossen. Einmal habe ich mir da ein Herz gefasst und im Flugzeug den damaligen DFB-Trainer Jupp Derwall angesprochen: „Herr Derwall, ich glaube, ich gehöre in die Nationalmannschaft.“ Der Derwall hat auf meiner Position immer einen der blonden Förster-Brüder als Stammspieler aufgestellt. „Hartwig“, war seine Antwort, „bei mir bist du nicht erste Wahl.“ Ohne Begründung, die brauchte es auch nicht.

Lag das nur an Jupp Derwall?

Nein. Noch ein Erlebnis: Als ich in Irland und Island meine beiden A-Länderspiele gemacht habe und wir in Frankfurt mit der Nationalmannschaft gelandet sind, begrüßte uns DFB-Präsident Hermann Neuberger. Wir standen in einer Reihe, und direkt vor mir hat Neuberger den Sepp Maier und den Bernd Cullmann umarmt und dann direkt nach mir dem Bernd Schuster herzlich die Hand geschüttelt. Ich stand dazwischen und war Luft für ihn.

So ein Affront würde heute zum Skandal.

Natürlich. Aber eine Gegenfrage: Können Sie mir bis heute einen farbigen Spieler nennen, der es nicht nur im Club, sondern in der deutschen Nationalmannschaft zum Stammspieler oder gar Führungsspieler gebracht hätte?

Trotzdem, der DFB engagiert sich öffentlich gegen Rassismus in den Stadien und in der Gesellschaft. Könnte der Fußball auch sonst eine Botschafterfunktion haben für die soziale Integration von Migranten und Unterschichten?

Klar, dafür biete ich mich selber regelmäßig an. Ich weiß ja, wie es unten in der Gesellschaft aussieht, ich habe Abstürze erlebt, und ich mache jede Menge freiwillige Jugendarbeit, übrigens auch mit krebskranken Kindern. Nur, beim DFB hat das bisher kaum jemanden interessiert. Dort gibt es einen Herrn, der behauptet noch immer, der Jimmy Hartwig sei „eine verkrachte Existenz“....

...Herr Hartwig, wann waren Sie zum ersten Mal Millionär?

Mit 24. Da bin ich von 1860 München zum Hamburger SV gekommen. Plötzlich sah ich die Eins mit den vielen Nullen dahinter auf meinem Konto, und auf einmal gab’s wahnsinnig viele Leute, die mir auf die Schulter geklopft haben. Das hatte mir vorher so sehr gefehlt: nicht nur Geld, sondern Anerkennung.

Sie sind in Offenbach 1954 als unehelicher Sohn eines schwarzen GIs geboren, Ihren Vater haben Sie nur ein Mal kurz gesehen und Ihre Mutter musste als Arbeiterin die Familie alleine durchbringen.

Meine Mutter wollte ihren farbigen Jungen immer beschützen, aber sie konnte mir so wenig Anerkennung verschaffen wie meine Umgebung. Dabei ist das für einen Heranwachsenden das Wichtigste.

Sie sollen trotzdem immer schon eine große Klappe gehabt haben.

Weil ich mir damit Anerkennung herbeireden wollte. Ich habe immer Respekt und Liebe gesucht. Deswegen sind auch drei Ehen kaputtgegangen: Es war gar nicht so sehr der Sex, den ich in den Armen von Frauen gesucht habe, sondern Geborgenheit. Das Gefühl, als Mensch angenommen zu sein, selbst wenn ich mir das nur eingebildet habe, weil ein Mädel aus der Disco bloß den berühmten Fußballer im Bett haben wollte. An einem Punkt hat die Illusion aber nicht mehr funktioniert: beim Geld, das ich durch die angeblichen Freunde mit ihren Bauherrenmodellen verloren habe. Plötzlich bist du als Aufsteiger von ganz unten um deinen Lohn gebracht, du hast das Gefühl, die haben dir wieder einen Teil deines Lebens geraubt..."


Aus redaktionellen Gründen haben wir das Interview gekürzt und teilweise etwas umgestellt. Bitte klicken Sie oben und lesen Sie das komplette, sehr interessante Gespräch über Jimmy Hartwigs Leben dort nach.
Hier noch weitere aktuelle Artikel über Hartwig:

Fußballer Jimmy Hartwig : "Die Nähe von Triumph und eins auf die ...  /ZEIT ONLINE

Comeback auf der Bühne: Jimmy Hartwig spielt sich selbst - Nachrichten Kultur - Theater - WELT ONLINE

Jimmy Hartwig | berliner filmfestivals

Monument aus Herz und Seele von Peter von Becker/ Der Tagesspiegel

"...Etwas Ähnliches wird er ihm damals auch im „Ciao“ gesagt haben. Womit die Begegnung normalerweise zu Ende gewesen wäre. „Aber jetzt“, fährt Thieme fort, „passierte etwas völlig Verrücktes. Ein Fremder am Tisch hinter Hartwig steht nun ebenfalls auf und ruft aus: ,Das ich das erleben darf!’ Es war ein Lottogewinner aus Dortmund, der sich gerade einen Partykeller in sein neues Haus gebaut hatte.“ Und dort spielte er immer Poolbillard, mit den Ex-Nationalkickern Jürgen Kohler und Andy Möller. „Der Lottogewinner lud uns alle ein, es wurde ein längeres Besäufnis; ich saß neben Hartwig und murmelte natürlich auch so was in der Art: Sie waren doch als Nationalspieler der erste oder zweite ... äh ... – und der Jimmy sofort in seinem schlagfertigen Hessisch: ,Du konnst ruisch Nescher zu mir saache!’“

Einen Neger spielt er auch jetzt. Einen weißen Neger namens Woyzeck. Jimmy Hartwig ist Georg Büchners geprügelter Woyzeck, dieser erste Proletarier (und proletarische Philosoph) des Welttheaters. Thomas Thieme hat das in Leipzig zum 20. Jubiläum des Mauerfalls inszeniert, und der etwas prätentiös „Büchner/Leipzig/Revolte“ überschriebene Abend sollte so eigentlich gar nicht stattfinden. Es war zunächst an eine Dramatisierung von Erich Loests Roman „Nikolaikirche“ gedacht, auch sollte der Heldenstadt-Dirigent Kurt Masur irgendwie filmisch mitwirken, doch das hat wohl wegen allerlei Differenzen nicht so geklappt (Thieme über Masur: „Dem hat die Geschichte im richtigen Moment den Fuß hingehalten, und er hat ins Tor geschossen“).

In sehr kurzer Zeit ist stattdessen eine Mixtur aus Leipzigfilmchen, einem kurios anrührenden Altmännerchor mit jungsozialistischen Liedern, einigen Stasi-Anspielungen und, im Zentrum, einem fast monologischen Woyzeck-Solo entstanden. Thieme weiß, „ich habe mich da übernommen“, doch „was der Jimmy macht, ist ganz ungewöhnlich“..."

Hartwig: "Ich spiele um mein Leben"  Interview von Lucas Vogelsang / Der Tagesspiegel


Ermöglicht Ihnen das Theater, intensiver zu leben?

Natürlich ist es auch das. Das Theater bedeutet mir heute viel, weil ich den Leuten immer auch etwas von mir zeigen kann und ständig in verschiedene, neue Leben schlüpfen kann. Ich weiß ja nicht mehr, wie lange ich noch zu leben habe.

Bei Ihnen wurde 2007 zum dritten Mal Krebs diagnostiziert.

Ich spiele jeden Tag um mein Leben, weil ich jeden Tag eine Unmenge an Arznei schlucken muss. Ich bin durch die Krankheit körperlich extrem angeschlagen. Die vergangenen Wochen habe ich unter Schmerzen gespielt. Aber ich mache hier nicht schlapp.

Warum tun Sie sich das an?

Weil ich hier eine Verantwortung habe. Ich war immer ein Mensch, der, wenn ihm jemand eine Chance gibt, für denjenigen durchs Feuer geht. Egal, ob das meine Trainer Branko Zebec und Heinz Lucas waren oder jetzt Thomas Thieme. Menschen, die an mich glauben, will ich einfach nicht enttäuschen. Und wenn ich jetzt zusammenbreche, wäre das für alle der GAU. Deshalb schlucke ich meine Tabletten und ziehe das durch.

Haben Sie Angst vor den nächsten Wochen?

Vor jeder Vorstellung frage ich mich, ob ich das körperlich durchhalte. Schon wenn der Vorhang aufgeht und ich die Leute sehe, fange ich innerlich an zu beben. Ich stehe ja von der ersten bis zur letzten Minute auf der Bühne. Für mich ist das eine hohe psychische und physische Belastung. Wenn ich nach einem Drittel des Stücks plötzlich merke, dass mein Körper anfängt zu rebellieren, davor habe ich Angst.

Wie gegenwärtig ist der Tod in Ihrem Leben?

Meinen Ärzten habe ich gesagt, dass sie ruhig sein sollen, weil ich nicht wissen will, wie lange ich noch hab’. Doch als jetzt Rolf Rüssmann gestorben ist, habe ich gemerkt, wie es mir wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Das hat mich innerlich erschüttert. Der Rolf ist ja auch an Krebs gestorben. Und ich habe das jetzt schon dreimal gehabt. Da unten und im Kopf. In diesen Momenten beginnt man natürlich wieder nachzudenken.

Gibt es vor dem Hintergrund der Krankheit Situationen in Büchners Stück, die Sie emotional besonders berühren – etwa in den Szenen, in denen Woyzeck auf den Doktor trifft?

Ja. Besonders diese Figur des Arztes erinnert mich ganz stark an meine Zeit nach der ersten Chemotherapie Anfang der 90er. Da gab es einen Professor, den Namen darf ich heute nicht mehr nennen, der mir knallhart ins Gesicht gesagt hat, was ich eigentlich wolle, ich hätte ja eh nur noch zwei Jahre zu leben.

Was geht da auf der Bühne in Ihnen vor?

Wenn mich der Doktor auf der Bühne anschreit, ob ich meine Erbsen schon genommen hätte, da denke ich mir, das ist doch dasselbe Arschloch wie damals. Ich merke dann, wie ich auf der Bühne sofort Wut entwickeln kann, weil der Woyzeck gequält wird, weil ihm Unrecht widerfährt. Da kommt dann viel von früher hoch.

Wie wirkt sich diese persönliche Betroffenheit auf Ihr Spiel aus?

Ich kann dadurch in diesen Momenten die nötige Spannung und Kraft aufbauen, die ich für diese Szenen brauche, in denen alle auf mich einhämmern.

Unter Ihrem Regisseur Thomas Thieme haben Sie in Weimar bereits Brechts „Baal“ und Shakespeare gespielt. Welche Rolle spielt er in Ihrem Leben?

Eine väterliche. Er ist Freund, Ziehvater und Kritiker in einer Person. Thomas würde mich nie ins Verderben schicken. Wenn er merkt, dass ich etwas nicht kann, dann sagt er mir das und zeigt mir, wo ich noch lernen kann..."





23. Oktober 2000/Spiegel Online
Jimmy Hartwig: "Ich hab's auch gemacht" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport



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Jimmy Hartwig – Wikipedia

Jimmy Hartwig - Munzinger Biographie